Religionswissenschaftler melden sich zu Wort

Prof. Dr. Dorothea Lüddeckens, Theologische Fakultät Universität Zürich

Claude-Alain Humbert: Religionsführer Zürich
Zürich: Orell Füssli, 2004

Er ist nicht der erste seiner Art und auch in manchem anders als seine Vorgänger in anderen Städten - vor allem aber ist er der erste für Zürich und allein schon deshalb ein Gewinn. Der „Religionsführer Zürich“, den Claude-Alain Humbert im Mai 2004 im orell füssli Verlag veröffentlich hat, bietet seinem Untertitel entsprechend Porträts von „370 Kirchen, religiös-spirtuelle(n) Gruppierungen, Zentren und weltanschaulichen Bewegungen der Stadt Zürich“. Ziel und Zweck des Buches sei es, so schreibt der Autor, „einen Überblick über das religiös/spirituelle Leben in der Stadt Zürich zu geben“. Diesem Anspruch kann das Buch genügen, allerdings ist der Titel „Religionsführer“ in gewisser Weise irreführend. Es handelt sich eher um ein „Verzeichnis“, als um einen „Führer“ im Sinne eines beratenden, vielleicht sogar mit Empfehlungen dienenden Begleiters durch den Dschungel religiöser Vielfalt. Humbert´s Werk darf nicht als Reiseführer auf religiösem Gebiet missverstanden werden, und nicht dafür kritisiert werden, dass es genau das nicht ist.

Christliche, bzw. sich selbst zum Christentum zählende Gemeinschaften stehen am Anfang des Buches und nehmen - der gegenwärtigen religiösen Landschaft entsprechend – bei weitem den größten Raum ein. Der römisch-katholischen Kirche mit den verschiedenen Missionen, Orden und Gemeinschaften, dargestellt auf insgesamt 80 Seiten, folgen die Christkatholische Kirche, acht Orthodoxe Kirchen und die Protestantischen Kirchen. Letztere in grosser Vielfalt, von der Evangelisch-reformierten Landeskirche über Hilfswerke wie die Stiftung Sozialwerke Pfarrer Ernst Sieber bis hin zu dem evangelistischen Campus für Christus. Unter den Überschriften „Freikirchen“ und „Pfingstbewegung und charismatische Gemeinden“ lassen sich weitere, eher dem protestantischen Spektrum zuzurechnende Vereinigungen entdecken. Unter ihnen sind auch manche, die aus landeskirchlicher Sicht nicht mehr auf biblischem Boden stehen, aus ihrer eigenen aber die einzig wahre christliche Botschaft vermitteln. Der Ökumene ist ein eigenes Kapitel gewidmet, mit Abschnitten über so unterschiedliche Einrichtungen und Bewegungen wie die Ökumenische Polizeiseelsorge, Taizé und das Zürcher Forum der Religionen. Weitere Kapitel umfassen bekannte und alteingesessene Traditionen wie die Anthroposophie oder die Zeugen Jehovas, aber auch neuere und zum Teil nur mit wenigen Anhängern, bzw. Mitgliedern versehene Gruppierungen. Es findet sich auch ein eigenes kleineres Kapitel „Freidenker“ und zum Abschluss des Werkes sind - offensichtlich nach Ansicht des Autors anderweitig nicht einzuordnende Gruppierungen unter dem Stichwort „Verschiedene Vereinigungen“ vorgestellt. Zwischen letzteren und den ca zwei drittel des Buches ausmachenden Traditionen und Gruppen, die sich meist auf christliche, bzw. abendländische Traditionen zurückführen lassen, finden sich die Gruppen, die sich im Kontext von Judentum, Islam, Buddhismus, Hinduismus und Sikhismus bewegen. Den entsprechenden Kapiteln ist jeweils eine allgemeine Einführung vorangestellt. Der Leser erfährt hier grundsätzliches zur Geschichte und Lehre von Judentum, Islam, Buddhismus, Hinduismus und Sikhismus und Hinweise auf wesentliche Differenzen zwischen den einzelnen großen Richtungen innerhalb dieser Traditionen wie z.B. zwischen Sunniten und Schiiten oder zwischen orthodoxen und liberalen Juden. Für alle aufgeführten Gemeinschaften wurde dasselbe Schema vorgelegt, wobei offensichtlich nicht immer zu allen Rubriken Angaben gemacht werden konnten. Einer Darstellung zu Geschichte, bzw. historischem Selbstverständnis, zu Lehre, Praxis, Mitgliederzahlen und zum Verhältnis zu anderen Gemeinschaften, folgen die Rubriken Treffen (bzw. Gottesdienste, Angebote), Literatur und Kontakt.  

Bei den allermeisten Gemeinschaften ist es Humbert gelungen, das Selbstverständnis der porträtierten Gruppen zu präsentieren, gewährleistet auch durch seine Rückversicherung bei den jeweils Dargestellten, die er in den meisten Fällen wohl einholen konnte. Aus religionswissenschaftlicher Perspektive liegt gerade darin ein grosser Reiz des Buches. Dabei wäre es für die Leser sicherlich hilfreich gewesen, wenn genau diese Haltung noch deutlicher zum Ausdruck gebracht und in einheitlicher Weise durchgehalten worden wäre. Nicht ganz zu verstehen ist es nämlich, warum in manchen Fällen sozusagen der O- Ton ohne Anführungsstriche, in anderen der Hinweis, dass dies die Ansicht dieser Tradition und wieder in andern die indirekte Rede zu finden ist. Historisch nachvollziehbare „Fakten“ und religiöses Selbstverständnis sind so für den Leser nicht immer auseinander zu halten. Humbert selber gibt an, seine Texte seien aufgrund eigener Anschauung, dem Lesen von Sekundärliteratur und der Information der jeweiligen Gemeinschaften entstanden. Leider wird im Ergebnis nicht klar, wessen Perspektive jeweils zum Ausdruck kommt, wobei anzunehmen ist, dass es sich in aller Regel um die letztgenannte handelt. Unklar bleibt auch, warum manche Gruppierungen sehr viel ausführlicher als andere dargestellt wurden, vermutlich ist auch das auf die unterschiedliche „Quellenlage“ und nicht etwa auf unterschiedliche Gewichtungen ihrer Bedeutung zurückzuführen.

Einschätzungen des Autors, welche Gruppen auf ihre soziale Umwelt oder aber auch für ihre Mitglieder unerfreuliche Auswirkungen haben könnten, fehlen. Diese Enthaltung ist nur konsequent – derlei Einschätzungen sind keineswegs leicht vorzunehmen und werden wohl besser von Autoren geleistet, die entweder von einem eigenen religiösen Standpunkt aus urteilen, oder aber andere Kriterien, wie z.b. bestimmte ethische oder politische Normen klar angeben können. Je nach dem wären dann möglicherweise nicht nur außerhalb der großen Kirchen stehende und als Sekten gescholtene Gruppen, sondern auch manche kirchliche Untergruppierung schärfer unter die Lupe zu nehmen. Das käme eben auf den Standpunkt an – und genau den will Humbert in einer beschreibenden Distanz einnehmen. 

Humbert hat ein Werk vorgelegt, das einen ersten Überblick über die religiöse Landschaft Zürichs erlaubt, aus der jeweiligen Perspektive der dargestellten Gruppierungen. Man findet Literatur, in der Regel auch hier Selbstdarstellungen, sowie Angaben für Kontaktmöglichkeiten. Es ist kein religionswissenschaftliches Buch, dafür fehlen z.B. religionsgeschichtliche Einordnungen, die über die Innenansicht hinausgehen, bzw. diese kritisch reflektieren würden, und diesen Anspruch erhebt der Autor auch gar nicht. Aber es ist ein Buch, das Religionswissenschaftlern und sicher auch anderen aus den verschiedensten Motiven Interessierten erste Informationen vermitteln kann, wenn es um konkrete Angaben zu Kontaktmöglichkeiten und Veranstaltungen und die Innenperspektive der einzelnen Zürcher Gemeinschaften geht. Vor allem aber, und darin liegt vielleicht der entscheidende Wert des „Religionsführers“, bietet er die Information, was es im Jahr 2003 an religiösen Gemeinschaften und Organisationen innerhalb der Stadt Zürich überhaupt gibt, bzw. gab.  

Einzelheiten mögen sicherlich zu kritisieren sein, manches von der Kategorisierung der einzelnen Gemeinschaften über die Entscheidung wie ausführlich einzelne Gruppierungen dargestellt werden, bis zur Akzentsetzung in der Darstellung kann man diskutieren, aber das ist bei einem solchen lexikalischen Versuch auch nicht anders denkbar. Es handelt sich nicht um eine wissenschaftliche Veröffentlichung, sondern ist ein sehr ergiebiges Sammelwerk eines „Laien“ und das ist keineswegs negativ gemeint. Das Werk erfordert einen kritischen Leser, es nimmt ihm die wertende Einschätzung der einzelnen Gruppierungen nicht ab, aber es verschont seine Leser damit auch vor einseitigen und standortgebundenen Urteilen, die sonst nur allzu leicht geboten werden. Wer mehr als eine Beschreibung aus der Innenperspektive möchte, muß sich an anderen Stellen informieren. Wer daran interessiert ist zu erfahren, ob es in Zürich eine Gruppe gibt, die sich selbst in der Tradition des Rinzai Zen versteht, welche pietistischen Gemeinden oder römisch-katholischen Orden in Zürich vertreten sind und wo ihre Gottesdienste stattfinden,  was sich hinter dem Namen „Chalice“ verbirgt oder in welcher „Form“ die Anhänger Sri Chinmoys in Zürich zu finden sind, welche Geschichte sich mit ihnen verbindet, woran sie glauben und wie ihre religiöse Praxis aussieht, der wird Humberts „Religionsführer“, der ein wertvolles Verzeichnis Zürcher Religionsgemeinschaften und religiöser Gruppierungen ist, mit Gewinn verwenden können.  

DOROTHEA LÜDDECKENS

Theologische Fakultät Universität Zürich