Auszüge aus dem Buch

Freidenker-Vereinigung der Schweiz (FVS)

Geschichte
1696 veröffentlichte der irische Philosoph John Toland (1670–1722) sein Werk Christianity Not Mysterious. Ein Jahr später wurde das Buch auf Befehl des Parlaments in Dublin öffentlich verbrannt. Auf Toland wurde erstmals der Begriff «free-thinker» angewandt. 1713 verfasste Anthony Collins (1676–1729) A Discourse About Free-Thinking. Die Übersetzung dieser Schrift ins Französische führte zur Begriffsbildung «libre penseur». So begann mit der englischen Aufklärung das moderne Freidenkertum erstmals in Irland um 1700, in Frankreich gewann es als Folge der Aufklärung (Mitte des 18. Jahrhunderts) Einfluss und wurde mit der Französischen Revolution salonfähig.

Bis zum 19. Jahrhundert vertraten hauptsächlich vereinzelte Denker diese neue Lehre, mit dem Namen «Freidenker» wurden vor allem die Deisten der englischen Aufklärung verbunden, wenn es auch schon dannzumal Freidenker mit betont atheistischen Ansichten gegeben hatte (Deismus, zu lat. deus = «Gott», Weltanschauung, die einen Schöpfer anerkennt, den Glauben an sein weiteres Wirken auf das Weltgeschehen jedoch ablehnt). Im 19. Jahrhundert entstand dann auch in anderen Ländern auf breiter Basis eine Bewegung in zwei Strömungen, auf der einen Seite die Freireligiösen als Protestbewegung gegen die etablierten Kirchen und mit einer Religion ohne Dogmen (ein damaliges Schlagwort war: «Freie Kirche in einem freien Staat») und auf der anderen Seite die eigentlichen Freidenker, die sich offen zum Atheismus (griech. a = nicht und theos = Gott) bekannten. In Deutschland veröffentlichte 1835/36 David Friedrich Strauss (1804–1874) Das Leben Jesu, worin er die Lebens- und Wirkungsgeschichte als Mythendichtung beschrieb. Bruno Bauer (1809–1882) bezweifelte ganz allgemein die historische Existenz Jesu. Die Letztgenannten, beide einflussreiche Theologen, können im Grunde genommen zu den Freireligiösen gezählt werden.

Doch schon in früheren (und späteren) Zeiten gab es Menschen, die das freie Denken pflegten und die einzig anerkannten Lehrmeinungen der Kirchen oder ähnlicher Institutionen in Frage stellten, so zum Beispiel Sokrates, Lukrez (antiker Vordenker der modernen Freidenker), Paracelsus, Galileo Galilei, Voltaire, Sophie Germain, Arthur Schopenhauer oder Friedrich Nietzsche. In der Schweiz waren es die (eher sanften) Aufklärer Gottfried Keller, Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt.

Die Anfänge des organisierten Freidenkertums in der Schweiz gehen auf das Jahr 1870 zurück. Damals wurde in Zürich eine Freidenker-Vereinigung bekannt. Um die Jahrhundertwende entstanden auch in der Westschweiz und im Tessin Organisationen zur Verbreitung von freigeistigem Gedankengut. Die Voraussetzungen für die Entwicklung einer nationalen Freidenkerbewegung war der 1908 in Zürich gegründete Deutschschweizer Freidenkerbund. 1976 verliessen einige Agnostiker die Bewegung und gründeten die Arbeitsgruppe autonomer Humanisten, aus der 1979 die Schweizerische Vereinigung für Humanismus (SVH) hervorging (Agnostizismus = Lehre von der Unerkennbarkeit der übersinnlichen Welt; griech. a = und gnoein = erkennen). Nach Aussage der Freidenkerbewegung der Schweiz sind (ebenso wie in anderen Ländern auch) eine Ablehnung und Distanzierung von Seiten der Kirchen und anderer, einflussreicher und interessierter Kreise bis heute spürbar.

Lehre
Freidenker sind in ihrer Denkweise mehrheitlich Agnostiker und vor allem Atheisten. Sie lehnen den Glauben an überirdische Mächte (und damit die Existenz eines Gottes) ab und vertreten eine materialistische (stoffliche) Weltanschauung, die sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert. Die Freidenker bekennen sich zum Humanismus (lat. humanus = menschlich; Weltanschauung, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt) und möchten für Frieden und soziale Gerechtigkeit eintreten, für ein Leben, in welchem die Menschenwürde und Freiheit des Einzelnen hochgehalten wird. Menschlichkeit soll um des Menschen willen gelebt werden und nicht aufgrund (möglicher) Konsequenzen, sei dies gesellschaftlicher Art oder in Form einer möglichen Belohnung oder Bestrafung nach dem Tod.

An die Stelle religiöser Spekulationen wird eine auf Erfahrung beruhende, genau durchdachte, niemals endgültige Weltanschauung vertreten. Wahrheiten ergeben sich für den Freidenker aus gewonnenen Erkenntnissen und eigenen oder nachvollziehbaren Erfahrungen. Konfrontiert mit religiösen Glaubenshaltungen und Dogmen, fragt er nach dem natürlichen Grund ihres Entstehens. Die Freidenker fühlen sich verpflichtet, allen, die mit einem religiösen Glauben nichts mehr anfangen können, Alternativen zu bieten.

Die Freidenker sind sich jedoch darüber bewusst, dass es immer Menschen geben wird, die sich ohne religiöse Stützen, ohne Glauben an einen allmächtigen und gütigen Gott im Leben nicht zurechtfinden. Gegenüber einem Angebot, das nur eine Nachfrage befriedige, sehen sie sich als tolerant. In ihren Schriften protestieren die Freidenker jedoch in aller Schärfe gegen das Machtstreben der Religionen sowie gegen ihre Behauptung, im Besitze der absoluten Wahrheit zu sein. Beim heutigen Stand wissenschaftlicher Erkenntnis sei dies eine Anmassung. Das Gleiche gelte für die Überzeugung, die Religionen würden einen höheren, auch die Ungläubigen betreffenden Auftrag erfüllen. Trennung von Kirche und Staat sowie von Kirche und Schule bei gleichzeitiger Anerkennung von Glaubens- und Gewissensfreiheit wird befürwortet. Kirchenaustritt wird gefördert. Ebenso sehen sie es als ihre Aufgabe, mit demokratischen Mitteln, das heisst mit Referendum, Vernehmlassungen und aktiver Mitarbeit bei Volksabstimmungen, gegen die Vormachtstellung der Kirchen und Religionen zu kämpfen.

Religion, gleich welcher Richtung, wird allgemein als Versuch angesehen, den Menschen zu kontrollieren. Doch je mehr Menschen über Wissen und Denkschulung verfügen würden, desto eher würden sie sich von Aberglauben und religiöser Mystik befreien. Nötig sei also eine Reform und Ausbau aller Bildungsstätten von der Vorschule bis zu den Hochschulen. Da die Vorstellung eines «Weiterlebens» nach dem Tode abgelehnt wird (und damit einer eventuell einhergehenden Belohnung oder Bestrafung), soll das freidenkerische Leben von aktiver, sozial verantwortlicher Lebensführung gekennzeichnet sein, einem Leben im «Jetzt» und nicht in einem möglicherweise irgendwann stattfindenden «Darnach».

An Stelle von religiösen Festen kennen die Freidenker weltliche Feiern wie Jugendweihe, Namensgebung, Ehefeier und Abschiedsstunde. Am 21. Dezember (kürzester Tag im Jahr) wird die Wintersonnenwende (Lichterfest) gefeiert, ein Fest mit Musik und geselligem Beisammensein. Die Sonnenwende wird als Sinnbild für jede Art befreienden und veredelnden Aufstieg innerhalb der menschlichen Gesellschaft verstanden, sei dies individuell oder auf eine Gruppe bezogen. Ebenfalls werden Ostern (im Christentum das Fest der Auferstehung) und Pfingsten (im Christentum Fest der Ausgiessung des Heiligen Geistes) gefeiert, jedoch nicht im christlichen Sinne, sondern aus uralter Verbundenheit des Menschen mit der Natur, das heisst, die Feste sind in Naturvorgängen begründet, welche sich längst vor dem Aufkommen des Christentums gebildet haben. Die Sonnenwende oder Weihnacht steht als erstes Anzeichen der neuen Sonnenzeit im tiefsten, dunkelsten Winter. Ostern ist die Zeit der Tag- und Nachtgleiche, von da an überwiegen der Tag, das Licht und die Wärme. Um Pfingsten ist der Kampf zwischen Winter und Sommer endgültig entschieden, die Sonne giesst in reicher Fülle ihre Frucht bringenden Strahlen, den «Heiligen Geist», über die Erde aus (Brauchlin, 2. Auflage, S.150, 151).

Angebote, Organisation, Finanzen
Die einzelnen Sektionen der Freidenker veranstalten Zusammenkünfte, Vorträge, Ausflüge und Diskussionen. Überregional werden Wochenendseminare, Arbeitstagungen zu aktuellen Themen und Kongresse durchgeführt. Hie und da werden auch Vorträge von bekannten Kirchenkritikern wie zum Beispiel Karlheinz Deschner organisiert. Kranke und ältere Mitglieder, die an den Veranstaltungen nicht teilnehmen können, werden zu Hause betreut. Der Abdankungsdienst stellt einen wichtigen Bestandteil der Angebote dar, die Freidenker organisieren ein würdiges Begräbnis und stellen den Trauerredner (etwa 30% der Verstorbenen gehören nicht den Freidenkern, sondern einer Kirche an). Da die Trauerredner sehr frei in der Gestaltung sind, werden die Trauerreden stark auf die verstorbene Person und deren Angehörige ausgerichtet, es existieren keine genormten Abdankungsrituale. Gesamtschweizerisch existieren zwölf lokale Gruppen mit insgesamt etwa 3000 Mitgliedern, die Region Zürich zählt rund 300 Mitglieder. Die jeweiligen Ortsgruppen finanzieren sich durch Mitgliederbeiträge und freiwillige Spenden.

Mitglied kann jeder werden, der die Ziele der Freidenker-Vereinigung anerkennt. Ausser in eigenen Publikationen wird ebenso in Inseraten in Tageszeitungen über die Angebote der Freidenker informiert. Die Freidenker-Vereinigung der Schweiz ist Mitglied in der Weltunion der Freidenker (WUF) und der Humanistischen und Ethischen Union (IHEU).

Treffen:

  • In der Regel jeden 2. Dienstag um 14.30 Uhr im Restaurant Schweighof, Schweighofstrasse 232, 8045 Zürich (Kurzvorträge, anschliessend Diskussionen über aktuelle Ereignisse.) Jeweils letzter Samstag im Monat Samstagsmorgen-Stamm, ebenfalls im Restaurant Schweighof

Literatur:

  • Die Freidenker (Sammlung von Themenblättern der Freidenker-Vereinigung der Schweiz)
  • Ernst Brauchlin: 13 Gespräche mit einem Freidenker, 2. Auflage, Bern 1972
  • Freidenker, Monatsschrift der Freidenker-Vereinigung der Schweiz

Kontakt:

  • Freidenker-Vereinigung der Schweiz, Sektion Zürich, Postfach 7210, 8023 Zürich
  • Freidenker-Vereinigung der Schweiz, Postfach 217, 2545 Selzach, Tel. 032 6412624, info@freidenker.ch,
  • www.freidenker.ch

Anmerkung: Die Freidenker sind keine religiöse oder spirituelle Organisation. Dass sie trotzdem in einem Religionsführer aufgeführt sind, ist einerseits darauf zurückzuführen, dass bei ihnen Religion ein wichtiges Thema ist, anderseits halten sie (wie die Kirchen auch) Abdankungen und Trauerreden ab.

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