Auszüge aus dem Buch

Rosenkreuzer (allgemein)

Die Rosenkreuzer sind quellenmässig erstmals erfassbar, als im Jahre 1614 eine 36-seitige Schrift veröffentlicht wurde mit dem Titel: Fama Fraternitatis Oder Brüderschaft des Hochlöblichen Ordens des R.C. [Rosen Creutz] An die Häupter, Stände und Gelehrten Europae. In diesem Werk wird die Reform von Wissenschaft, Religion, Kultur und Gesellschaft behandelt. Zugleich beschreibt die Fama die Ursprungslegende des Rosenkreuzerordens. So soll ein Christian Rosencreutz im 15. Jahrhundert mit drei Mitbrüdern eine geheime «Gesellschaft» oder «Bruderschaft» gegründet haben, die sich als Werk christlicher Nächstenliebe im Sinne einer «Generalreformation» des ganzen Lebens ausschliesslich und ohne Entgelt der Krankenheilung widmete. Ein Jahr später (1615) erschien die Confessio Fraternitatis, die sich ebenfalls mit der Geschichte des Ordens und seines geheimnisvollen Gründers auseinander setzte, und 1616 erschien die dritte und letzte Schrift, die Chymische Hochzeit Christiani Rosencreutz. Als wahrscheinlicher Verfasser der Rosenkreuzerschriften (und Erfinder des Mythos der Rosenkreuzer) gilt der schwäbische Theologe Johann Valentin Andreae (1586–1654), der nach Abschluss seines Theologiestudiums zur führenden Persönlichkeit des Luthertums im damaligen Herzogtum Württemberg aufsteigen konnte. Neusten Rosenkreuzer-Forschungen zufolge sind die Rosenkreuzerschriften jedoch ein Gemeinschaftswerk des so genannten «Tübinger Kreises» (Tübingen= alte Universitätsstadt in Württemberg), dem Männer wie Christoph Besold (1577– 1638), Tobias Hess (1568–1614) und oben genannter Johann Valentin Andreae angehörten. Diese sollen dazu beigetragen haben, die Rosenkreuzer-Manifeste zu gestalten und bekannt zu machen. Andreae ist wahrscheinlich lediglich der «Sekretär» dieser Gemeinschaft gewesen, in der damaligen Gesellschaft nahm er jedoch eine exponierte Stellung ein. Der Name Christian Rosencreutz findet sich so in der Fama Fraternitatis nicht. Hier stehen lediglich die Initialen C.R., R.C., C.Ros.C., C.R.C. usw. Die Fama und die anderen Rosenkreuzerschriften hatten für Johann Valentin Andreae (und wahrscheinlich auch für die anderen Autoren) einen rein fiktiven Charakter, der einen Denkprozess in Gang setzen sollte. Andreae distanzierte sich später von der entstehenden «Rosenkreuzer-Bruderschaft», die sich auf seine Schriften berief.

Allgemein kann zwischen einem «personalen» und einem «symbolischen» Rosenkreuzertum unterschieden werden. Das personale Rosenkreuzertum geht davon aus, dass ein Christian Rosenkreutz als historische Person gelebt hat. Obwohl es keinen Mangel gibt, historische Personen als Christian Rosenkreutz zu identifizieren, ist es bisher nicht gelungen, diese Position mittels Urkunden und Forschung zu belegen. Das «symbolische» Rosenkreuzertum geht davon aus, dass eine Person namens Christian Rosenkreutz nie gelebt hat und dass er demzufolge weder Gründer noch Urheber des Rosenkreuzertum gewesen sein kann.

Wie dem auch sei, in der nachfolgenden Zeit bildeten sich drei Rosenkreuzer-Strömungen. Das «frühe» oder «ältere Rosenkreuzertum» berief sich auf die Ideen Andreaes und kann als eine Reformbewegung in gebildeten Kreisen innerhalb des Luthertums bezeichnet werden.

Im 18. Jahrhundert lebte das Rosenkreuzertum in anderer Gestalt wieder auf. Durch englische Rosenkreuzer, vor allem durch den Alchemisten und Astrologen Elias Ashmole (1643–1727), nahmen «rosenkreuzerische Ideen» Einfluss auf die damals entstehende Freimaurerei, und es entstand das «mittlere Rosenkreuzertum». Zu der Zeit standen sich Freimaurer und Rosenkreuzer sehr nahe, was erklärt, weshalb einer der höchsten Freimaurergrade der eines «Ritter vom Rosenkreuz» ist. Die beiden Organisationen bestehen seither jedoch völlig getrennt voneinander. Es gibt jedoch auch jetzt noch Freimaurer und Rosenkreuzer, die beide Weltanschauungen vertreten, obwohl der Personkreis, der sich zur Freimaurerei zählt, viel grösser ist als der der Rosenkreuzer.

Die dritte und letzte Strömung, das «jüngere Rosenkreuzertum», entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und wird heute von esoterischen Gruppierungen vertreten, die den Begriff Rosenkreuzer als Selbstbezeichnung verwenden. Zur heutigen Zeit gibt es eine Vielzahl von Gesellschaften, die sich als rosenkreuzerisch bezeichnen, zwischen denen jedoch zum Teil erhebliche Unterschiede bestehen. Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, verstand seine Geisteswissenschaft auch als ein «erneuertes Rosenkreuzertum». Andere Gemeinschaften nehmen für sich in Anspruch, das Wissen eines tatsächlich existierenden, jedoch «unsichtbaren» oder «geheimen» Rosenkreuzer-Ordens zu besitzen. Die Gründer dieser Neo-Rosenkreuzer-Orden kamen meist aus der modernen Theosophie, wie sie von Helena Petrovna Blavatsky vertreten wurde. Die drei grössten und bekanntesten Rosenkreuzer Gruppen sind die Rosenkreuzer-Gemeinschaft, der AMORC. (Ancient Mystical Order of the Rosy Cross = Alter Mystischer Orden vom Rosenkreuz) und das Lectorium Rosicrucianum. Die Rosenkreuzer-Gemeinschaft wurde 1909 von Max Heindel, dem damaligen Vizepräsidenten der Theosophischen Gesellschaft in Kalifornien, ins Leben gerufen. In der Lehre bestehen deutliche Gemeinsamkeiten zur Anthroposophie. Der AMORC. trat 1916 erstmals öffentlich in Erscheinung und wurde vom Theosophen Harvey Spencer Lewis ins Leben gerufen. Der Orden beruft sich auf eine alte ägyptische Mysterienschule, die bereits um 1350 v.Chr. gegründet worden sei. Die Entstehung des Lectorium Rosicrucianum ist Mitte der 20er-Jahre des letzten Jahrhunderts anzusetzen. Seine Gründer, die Gebrüder Zwier Willem und Jan Leene, hatten vor der Gründung eine leitende Stellung bei der niederländischen Abteilung der Rosenkreuzer-Gemeinschaft von Max Heindel, wobei jetzt jedoch keine grösseren Gemeinsamkeiten mehr bestehen.

In der Schweiz existieren vom AMORC und vom Lectorium Rosicrucianum mehrere Zentren oder Städtegruppen. Von der Rosenkreuzer-Gemeinschaft besteht zurzeit nur eine Studiengruppe in Sils Maria im Kanton Graubünden. Dort befindet sich auch das Max Heindel Center, welches Vorträge und Seminare über die Weltanschauung der Rosenkreuzer, das heisst über die Glaubensphilosophie Max Heindels durchführt. Angegliedert ist ein Verlag, der die (vergriffenen) Bücher von Max Heindel herausgibt, sowie das Gesundheits-Center Max Heindel.

Literatur:

  • Hans-Jürgen Ruppert: Der Mythos der Rosenkreuzer, EZW-Texte 2001, Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Berlin
  • Wolfram Frietsch: Die Geheimnisse der Rosenkreuzer, Reinbeck 1999

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