Auszüge aus dem Buch

Theosophische Gesellschaft und Theosophie allgemein

Die Theosophische Gesellschaft wurde 1875 von Helena Petrovna Blavatsky (1831–1891), Henry Steel Olcott (1832– 1907) und William Quan Judge (1851– 1896) in New York ins Leben gerufen. Aus der Sicht der Theosophen ist diese Gründung von einer Gruppe im Tibet lebender Eingeweihter seit langem vorgeplant gewesen. Nach der Veröffentlichung ihres Hauptwerkes Isis unveiled (Die entschleierte Isis) im Jahre 1877 ging Helena Petrovna Blavatsky 1879 nach Adyar (Indien), wo das Hauptquartier der Bewegung eingerichtet wurde. Zu Lebzeiten von Frau Blavatsky und Henry Steel Olcott standen mehr buddhistische und spiritistische Experimente im Mittelpunkt der Bewegung, zumal die Stifterin als gutes Medium galt; unter der zweiten Präsidentschaft der Engländerin Annie Besant (1847–1933) traten jedoch mehr hinduistische Motive in den Vordergrund. Seit dem Jahre 1910 ist die Theosophische Gesellschaft auch in der Schweiz vertreten.

Die Lehre der Theosophie (griech. theos = Gott und sophia = Weisheit) ist keine neue Lehre. Bereits früher gab es eine abendländisch-christliche Theosophie, die davon ausging, dass dem auf Gottes Wort Hörenden göttliche Weisheit geschenkt wird. Der Name «Theosophie» soll zum ersten Mal im 3. Jahrhundert von Ammonius Saccas gebraucht worden sein. Bekannte christliche Vertreter der ursprünglichen Theosophie waren unter anderen Hildegard von Bingen und Jakob Böhme.

Einen sehr wichtigen Stellenwert hat in der (modernen) Theosophie das Konzept der «Aufgestiegenen Meister». Mit diesen hohen Meistern oder Lichtwesen werden in der Theosophie Menschen bezeichnet, die auf der Erde gelebt und durch die Vollendung ihres Zieles die Auferstehung und Auffahrt (den «Aufstieg»), also die Unsterblichkeit und ewige Freiheit, erreicht haben. Von der geistigen Welt aus helfen diese Aufgestiegenen Meister nun den Menschen weiter. Die Lehren der Theosophie basieren zum Teil auf Durchsagen dieser hohen geistigen Wesen aus der himmlischen Welt (Lichtwelt). Diese Durchsagen erfolgen in der Regel mittels eines Mediums, welches als «Channel» (Kanal) für die Aufgestiegenen Meister dient. Manchmal werden die Schüler von den Aufgestiegenen Meistern auch durch Visionen belehrt. Daher sind die Theosophen auch absolut von der Existenz einer geistigen Hierarchie überzeugt, die auf immer höheren Entwicklungsstufen aufgebaut ist. Einige Theosophen besassen (oder besitzen) die Gabe der Schau der höheren Welten, die besonders von Charles W.Leadbeater, einem Zeitgenossen von Helena Petrovna Blavatsky, in verschiedenen Büchern beschrieben wurde.

Die Theosophie möchte dem Bemühen des Menschen, sich selbst zu verstehen, und der Welt, in der er lebt, Sinn und Richtung geben. Theosophie wird nicht als Religion verstanden, sondern als «göttliches Wissen, göttliche Wissenschaft», daher auch der Leitspruch, der von der Theosophischen Gesellschaft gewählt wurde: «Keine Religion ist höher als die Wahrheit.» In der Theosophie gibt es keine Vorstellung von einem persönlichen Gott und einer Schöpfung, sondern Universen kommen und gehen als periodische Erscheinungen einer unveränderlichen, nicht materiellen Wirklichkeit. Ein theosophischer Leitsatz ist die Einheit allen Lebens. Dies bedeutet, dass zwischen allem Lebendigen eine Wechselbeziehung besteht, deshalb müsse der Mensch in Übereinstimmung mit den Naturgesetzen leben und Verantwortung für die Natur übernehmen. Ferner bedeutet diese Einheit allen Lebens die Verbundenheit der Menschen untereinander über alle Weltanschauungen, politischen und rassischen Unterschiede hinweg sowie auch die Verbundenheit der Menschen mit allen anderen Lebewesen auf der Erde; auch Pflanzen, Steine und Metalle enthalten eine Art von Bewusstsein und sind somit in gewissen Sinne auch lebendig. Vertreten wird der Gedanke der Reinkarnation, Ziel ist die Wiedervereinigung mit dem universalen göttlichen Bewusstsein. In der Theosophischen Gesellschaft gibt es jedoch weder Dogmen noch anzuerkennende Autoritäten. Alle Menschen, die versuchen, die drei folgenden Ziele in ihrem Leben zu verwirklichen, sind als Mitglieder willkommen.

Die drei Ziele der Theosophischen Gesellschaft sind:

  1. Einen Kern der allumfassenden Bruderschaft der Menschheit zu bilden, ohne Unterschied von Rasse, Glauben, Geschlecht, des Standes oder der Hautfarbe.
  2. Zum vergleichenden Studium von Religion, Philosophie und Wissenschaft anzuregen.
  3. Noch ungeklärte Naturgesetze und die im Menschen verborgenen Kräfte zu erforschen.

Über längere Zeit gab es an verschiedenen Orten in der Schweiz theosophische Gemeinschaften. Die meisten Gruppen lösten sich jedoch mangels neuer Mitglieder auf. Zurzeit befindet sich der Sitz der Theosophischen Gesellschaft, welcher eine umfangreiche Bibliothek mit Büchern in Deutsch, Französisch und Englisch besitzt, in Genf. Zudem besteht in Zürich ein kleiner theosophischer Zirkel. Aus der Theosophischen Gesellschaft sind verschiedene weitere theosophische Gruppen entstanden, nach und nach auch andere Gruppierungen, die theosophisches Gedankengut aufnahmen oder die Lehre weiterentwickelten. Einige dieser Gruppen sind auch in Zürich vertreten und werden nachfolgend beschrieben.

Literatur:

  • Helena Petrovna Blavatsky: Theosophie und Geheimwissenschaft, Ausgewählte Werke, München 1995
  • Helena Petrovna Blavatsky: Die Geheimlehre, 2. Auflage, Wien 1984
  • Helena Petrowna Blavatsky: Der Schlüssel zur Theosophie, 3. Auflage, Satteldorf 1995
  • Charles W. Leadbeater: Das innere Leben, Band I und II, Grafing 1990 und 1991
  • Charles W. Leadbeater: Das Leben in der Geistigen Welt, 2. Auflage, Grafing 1993
  • Sylvia Cranston: The Extraordinary Life and Influence of Helena Blavatsky (gibt es auch in deutscher Übersetzung)
  • Theosophie Adyar (erscheint dreimal jährlich)

Kontakt:

  • Kathrin Fischer, Forchstrasse 251, 8032 Zürich, Tel. 078 8322402
    kathrin.fischer@smile.ch
  • Société Théosophique de Suisse, rue Ferdinand-Hodler 17, 1207 Genf, Tel. 022 7366611, edwin@iprolink.ch
  • homepage.iprolink.ch/~edwin/theoswiss/geneve.htm

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