Auszüge aus dem Buch

Gottgeweihte Jungfrauen (Virgines consecratae)

Bereits in der frühen Christenheit gab es Frauen, die ein freiwilliges Gelübde ablegten, ihr Leben voll und ganz Gott hinzugeben. In einem öffentlichen Gottesdienst gingen sie einen bräutlichen Bund mit Jesus Christus ein und gelobten für immer als gottgeweihte Jungfrauen in der Ehelosigkeit zu leben. Nach katholischer Lehre ist Maria das Modell der immer währenden jungfräulichen Hingabe. In den ersten Jahrhunderten lebten diese gottgeweihten Jungfrauen in der Regel alleine und verborgen in ihren Familien. Äussere Zeichen waren seit dem 4. Jahrhundert der Schleier und eine ärmliche Tunika (langes Gewand), seit dem 7. Jahrhundert auch ein Ring. Ab dem 4./5. Jahrhundert begannen die Virgines consecratae mehr und mehr ein gemeinsames Leben in Klöstern zu führen. Seit dem 9. Jahrhundert wurde die Jungfrauenweihe immer seltener und wenn, dann in der Regel nur noch in geschlossenen Klöstern. Erst nach dem 2. Vatikanischen Konzil begann die Kirche 1970 diese Weihe erneut Frauen zu spenden, die ganz in der Welt leben. Seit Ende des Jahres 2000 lebt offiziell auch in der Stadt Zürich eine Virgo consecrata.

Eine gottgeweihte Jungfrau hat ihre Berufung bereits einige Jahre vor ihrer offiziellen Weihe in der Kirche in der Form eines privaten Gelübdes gelebt. So steht die Weihe also nicht am Anfang des geistlichen Weges, sondern bildet dessen Mitte. Bestandteile des Weiheritus sind das öffentliche ewige Gelübde der Jungfräulichkeit und die liturgische Weihe, wodurch die Kirche den Entschluss zu dieser Lebensform durch die Hand des Bischofs annimmt (Liturgie: Gesamtheit der ordnungsmässig bestehenden gottesdienstlichen Handlungen). Zugleich wird die Kandidatin mit der Weihe in den «ordo virginum» (Stand der gottgeweihten Jungfrauen) aufgenommen. Die Gottgeweihte gehört zur Ortskirche und ist direkt dem jeweiligen Bischof unterstellt. Als wesentlich wird nicht nur die Weihe des Leibes angesehen, sondern die Weihe aller Sinne sowie der ganzen Existenz.

Die Berufung der Virgo consecrata ist mit einem starken apostolischen Einsatz (vorgelebtes Christentum und Verkündigung) verbunden. In einer weithin Gott entfremdeten Welt legt sie Zeugnis für den Glauben ab durch ihren konkreten Liebesdienst in Kirche und Welt, die oft an geistlich-sittlicher und materieller Not leiden. Sie ist «Schwester in der Welt». Das Leben einer Virgo muss von der Hoffnung auf die Vollendung hin geprägt sein, und zwar stellvertretend für die ganze Kirche. Obwohl in der Welt, gibt es auch im Leben der gottgeweihten Jungfrau eine besondere Nähe zum klösterlich-kontemplativen Dasein: Stundengebet (Gebet und Gesang zu bestimmten Stunden), Meditation, feste Zeiten der Anbetung und das Leben aus der täglichen Eucharistiefeier (Hl. Messe) sowie der häufige Empfang des Bussakramentes (Beichte). Die Virgo lebt alleine in einer Wohnung mitten in der Gesellschaft. Die Lebensform einer gottgeweihten Jungfrau wird als ein bewusstes Ja zu einem Leben in der Einsamkeit mit Jesus Christus angesehen, als ein Ja, das stellvertretend für viele vereinsamte Menschen in der ganzen Welt vollzogen wird. Deshalb gehört sie zu keiner festen religiösen Gemeinschaft, auch wenn ihr eine freundschaftliche Verbindung zu einer Gemeinschaft oder einem Kloster empfohlen wird. In einigen Ländern (zum Beispiel Frankreich und Italien) finden jährliche Treffen der Virgines statt.

Von Schwester Ariane, Virgo consecrata der Stadt Zürich, wurde das Projekt «incontro» (Begegnung) ins Leben gerufen – ein überpfarreiliches Projekt für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Zum Projekt, welches von Priestern der katholischen Pfarrei Liebfrauen (Zürich) begleitet wird, gehören Weekends und Lager für Kinder und Jugendliche, Religionsunterricht in kleinen Gruppen von Kindern bei ihnen zu Hause, Seelsorge sowie die Präsenz in der Liebfrauenkirche, wo Schwester Ariane beim Haupteingang in der Regel von Dienstag bis Freitag von 15.00 bis 17.30 Uhr für persönliches Gespräch und Gebet zur Verfügung steht. In der Schweiz gibt es neben Schwester Ariane ca. 20 weitere gottgeweihte Jungfrauen, weltweit mehrere Hundert. Schwester Ariane und ihr Projekt lebt ausschliesslich von Spenden.

Literatur:

  • Sr. Ariane Stocklin: Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt (Broschüre zur Jungfrauenweihe vom 17.12.00)
  • Barbara Albrecht: Jungfrauenweihe für Frauen, die in der Welt leben. Skizze zur Information, PWB 20, 1995
  • Barbara Albrecht: Bist du kommst in Herrlichkeit, PWB 23
  • Marianne Schlosser: Alt – aber nicht veraltet: Die Jungfrauenweihe als Weg der Christusnachfolge, Ordenskorrespondenz Köln

Kontakt:

Ariane Stocklin, Goldauerstrasse 14, 8006 Zürich, Tel./Fax 01 3636734

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