Auszüge aus dem Buch

Judentum (allgemein)

Geschichte

Der Begriff Judentum verweist zugleich auf das Volk sowie auch auf die religiöse Gemeinschaft der Juden. Die israelitische Geschichte reicht bis zu einer Reihe von Nomadenstämmen des Nahen und Mittleren Ostens zurück, die etwa 2000 v.Chr. im Lande Kanaan (im alten Orient Bezeichnung des Gebietes Syrien–Libanon–Palästina, im Alten Testament im engeren Sinne das Westjordanland) umherzogen. Der Name Jude geht zurück auf die Bezeichnung des Stammes «Juda». Juda war einer der zwölf Söhne von Jakob (auch Israel genannt), der wiederum Sohn von Isaak und Enkel von Abraham gewesen ist. Abraham und sein Sohn Isaak gelten als Stammväter der Juden und sollen nach 2000 v.Chr. gelebt haben. Einer der Nachkommen von Abraham führte das Volk Israel nach Ägypten. Nach 1500 v.Chr. zogen die Israeliten gemäss biblischer Schilderung über das Rote Meer durch die Wüste Sinai wieder ins Land Kanaan zurück. Der Überlieferung nach erhielt Moses während dieser Wüstenwanderung auf dem Berg Sinai von Gott zwei Gesetzestafeln mit den Zehn Geboten. Unter Mose Nachfolger Josua besiedelten die Israeliten ca. 1200 v.Chr. das Land Kanaan. Israel gilt als das gelobte Land der Juden, welches von den Erzvätern (Abraham, Isaak und Jakob) versprochen wurde. 585 v.Chr. wurde der erste Tempel durch Nebukadnezar, König von Babylonien, zerstört. Damit begann das erste Exil der Juden, und an vielen Orten ausserhalb Palästinas entstanden jüdische Gemeinden. 70 Jahre nach der Zerstörung des Tempels begannen die Juden ins Gelobte Land zurückzukehren, und es entstand ein neues stattliches Gebilde, das beinahe bis zur Zerstörung des zweiten Tempels durch die Römer im Jahre 70 Bestand hatte. Doch auch nach dem Verlust der innenpolitischen Unabhängigkeit und der damit verbundenen Zerstreuung des jüdischen Volkes in alle Welt, gab es immer Gruppen von Juden, die im Lande geblieben sind. Die übrigen träumten von der Rückkehr ins Gelobte Land, ein Traum der erstmals 1897 vom Zionistenführer Theodor Herzl im ers­ten Zionistenkongress in Basel zu realisieren versucht wurde. Doch erst 1948 entstand erneut ein jüdischer Staat. Seither ist es für Juden nach fast 2000 Jahren der Diaspora (Zerstreuung) wieder möglich, ohne Probleme nach Israel zurückzukehren. Der Staat Israel hat für alle Juden in der Welt eine grosse Bedeutung, für viele gilt er als der einzige Ort, wo sie selbstständig über ihre eigenen Geschicke entscheiden können.

In das Gebiet der heutigen Schweiz gelangten die ersten Juden vermutlich bereits zur Römerzeit. Im Mittelalter lebten sie vor allem in den Städten. Zur Pestzeit (1348/49) wurden sie in der Schweiz verfolgt oder verjagt, dann befristet wieder aufgenommen, im Laufe des 15. Jahrhunderts jedoch wieder vertrieben. Im 19. Jahr­hundert wurden die Einschränkungen nach und nach aufgehoben, und 1862 erlangten die Juden die volle Niederlassungsfreiheit. Heute existieren in der Schweiz 18 Synagogen (griech. Versammlungsort), wovon die meisten in der Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut wurden. Weltweit werden 15 Millionen Juden gezählt, in der Schweiz sind es rund 17000, in der Stadt Zürich um 4000.

 

Lehre

Die Heilige Schrift der Juden ist die hebräische Bibel (Altes Testament). Die genaue Bezeichnung für die hebräische Bibel ist Tenach, Abkürzung von Thora, Newijm (Propheten) und Chetubin (Schriften) und entspricht dem ganzen Alten bzw. 1. Testament. Die Thora umfasst streng genommen nur die fünf Bücher Mose, die Bezeichnung Thora wird jedoch auch für die ganze heb­räische Bibel verwendet. Im Talmud (hebr. Gelerntes, Lehre) sind Kommentare zum Tenach aufgezeichnet worden und zusätzliche Vorschriften für den jüdischen Alltag enthalten (2. Jhr. bis ca. 8. Jhr. nach Chr.). Mit dem Christentum und dem Islam verbindet das Judentum den Glauben an den einen und einzigen Gott. Die jüdische Religion betrachtet den Menschen als moralisch gut, er habe jedoch auch Tendenzen zum Bösen. Der Mensch brauche keinen Mittler zwischen sich und Gott. Jedoch erwarten auch die Juden einen Messias, der zum Ende der Zeiten auf Erden erscheinen und das Gottesreich errichten soll, aus dem Not und Leid verschwinden werden. Die Schöpfung wird als ein fortlaufender Prozess angesehen, das heisst, sie ist in einer ständigen Entwicklung begriffen (Evolution). Nach Ansicht der traditionellen Juden sind sie das auserwählte Volk Gottes, mit dessen Urvater Abraham schon mit Gott einen Bund geschlossen hat. Die Juden sind gehalten, Gottes Gesetze zu befolgen. Von den 613 Geboten sind 248 «Du sollst»-Gebote und 365 «Du sollst nicht»-Verbote. In den Zehn Geboten ist die ganze Thora zusammengefasst. Die Thora regelt alle Bereiche des menschlichen Lebens, das heisst das ganze materielle Leben individuell und kollektiv. Zu den Geboten zählt als Kern der moralische Kodex (Zehn Gebote), doch auch Reinheits- und Speisegesetze. Die Verbote beziehen sich vor allem auf den Alltag und zwischenmenschliche Beziehungen, beinhalten jedoch zum Beispiel auch das Bodenrecht sowie Ehe- und Sexualvorschriften. Die Juden feiern den Sabbat (Freitag- bis Samstagabend) und üben die Beschneidung. Im Unterschied zum Christentum und zum Islam, in denen ein Christ oder ein Muslim jemand ist, der sich an das jeweilige Glaubenssystem hält, ist jeder Mensch ein Jude, der von einer jüdischen Mutter geboren worden ist (oder zum Judentum konvertiert ist).

 

Im Judentum existieren verschiedenste religiöse Strömungen. So ist das Leben der streng orthodoxen Juden von einer Vielzahl von Vorschriften geprägt. Da die streng gläubigen Juden die Synagoge zu Fuss erreichen müssen, neigen sie eher dazu, eng beieinander und in geschlossenen Gemeinschaften zu leben. In der Regel tragen die Männer (auch im Alltag) schwarze Anzüge und schwarze Hüte, die Kleider der Frauen müssen die Knie bedecken und die Ärmel über die Ellenbogen reichen. Das weitere Spektrum umfasst das traditionell-orthodoxe Judentum, ebenso konservatives, liberales sowie säkulares (weltliches) Judentum bis hin zu den Humanisten, die der Ansicht sind, das Judentum sei – wie alle anderen Religionen auch – eine rein menschliche Schöpfung. Die messianischen Juden betrachten sich zwar auch als Juden, haben jedoch Jesus Christus als ihren Messias anerkannt. Von den (herkömmlichen) Juden werden sie jedoch nicht als Juden anerkannt. In den USA, der Heimat der grössten jüdischen Gemeinschaften der Welt, sind die meisten der Juden nicht orthodox, sondern können mehrheitlich der liberalen Richtung zugerechnet werden.

 

Eine Frage, die sich für die Juden immer wieder stellt, ist: Wie soll ich mich zu der modernen Welt verhalten? Das liberale Judentum befolgt die jüdische Tradition in einer Form, wie sie der liberale Jude mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Trotz des Eingebundenseins in die heutige Zeit werden die Probleme von einem bewusst jüdischen Standpunkt, auf der Basis des dem Judentum zu Grunde liegenden Gedankengut, angegangen. Auch im liberalen Judentum gelten die Thora und der Talmud als Grundlage des Glaubens, doch besteht (im Gegensatz zu den orthodoxen Juden) nicht die Meinung, dass die Thora die einzige Offenbarung von Gottes­ Gesetzen sei, sondern dass Gott seine Lehre zu allen Zeiten durch inspirierte Menschen mitteile. Die Bibel, der Talmud und die späteren Gesetzessammlungen (Codices) des Judentums dienen zwar als Wegweiser, werden jedoch nicht als verbindlich akzeptiert, da die liberalen Juden annehmen, dass sich bestimmte Gebräuche und Rituale auf eine bestimmte Zeit und auf Bedingungen beziehen, die heute nicht mehr gegeben sind. Damit wäre ihre ursprüngliche Bedeutung verloren gegangen. Für den liberalen Juden liegt die Autorität im ausgeprägten Gewissen des Einzelnen, der sich mit den Lehren des Judentums auseinander setzt und sie gemäss seinem Zeitverständnis interpretiert und befolgt.

Im Gegensatz zum orthodoxen Judentum herrscht innerhalb des liberalen Judentums zwischen Männern und Frauen Gleichberechtigung, das heisst, die Frauen nehmen an den gottesdienstlichen Riten teil und sitzen mit Männern und Kindern zusammen beim Gottesdienst. Mann und Frau wirken gemeinsam in der religiösen und administrativen Arbeit und übernehmen dieselbe Verantwortung. Frauen können auch als Rabinerinnen tätig sein. Im Unterschied zum orthodoxen Judentum, im welchem Gottesdienste nur durchgeführt werden, wenn mindestens zehn (männliche) Personen anwesend sind, finden im liberalen Judentum die Gottesdienste auch dann statt, wenn weniger Personen – egal ob männliche oder weibliche – anwesend sind.

 

Die Synagoge dient drei unterschiedlichen gesellschaftliche Funktionen: Als Erstes ist sie ein Versammlungshaus (Beth Knesset): der Ort, an dem die Gemeinde zusammenkommt, um über ihre Angelegenheiten zu beraten, ein Zentrum des gesellschaftlichen Lebens, das den Gliedern der Gemeinde ermöglicht, den Wechselfällen ihres Lebens Ausdruck zu verleihen, von der Geburt bis zum Tode. Zweitens ist sie ein Lehrhaus (Beth Midrasch), ein Ort zum Studium und zur Weiterentwicklung der Tradition für die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen. Und drittens ist die Synagoge schliesslich ein Bethaus (Beth Tefilla). Der Gottesdienst findet dreimal täglich statt, bestehend aus Bekenntnis (5. Mose 6, 4, dreimal täglich) und Gebet (zweimal täglich). Am Sabbat kommt das Vorlesen aus der Thora hinzu. Jede Gemeinde ist verpflichtet, ihre Kinder religiös auszubilden.

 

Im Laufe eines Jahres werden in den jüdischen Gemeinden verschiedene Festtage gefeiert, davon sind die wichtigsten Pessach (Frühling, zur Erinnerung an den Auszug aus Ägypten, das heisst Volkswerdung der Israeliten), Schawuot (um Pfingsten, Tag der Offenbarung der Zehn Gebote und der ersten Früchteernte), Sukkoth (Herbst, Laubhüttenfest, das heisst Erinnerung an die Wüstenwanderung sowie Erntedankfest), Rosch Haschanah (Beginn des jüdischen Neuen Jahres Anfang Oktober) und Jom Kippur (Mitte Oktober, Versöhnungstag, höchster jüdischer Feiertag).

Eher unbekannt ist die Tatsache, dass die Reinkarnation, das heisst die Wiederverkörperung (hebr. gilgul) im religiösen Judentum weit gehend unbestritten ist. Für die chassidischen Juden (Chassidismus = jüdisch-mystische Bewegung) ist der Glaube an Reinkarnation ein wichtiges Element ihres religiösen Selbstverständnisses. Sie bilden auch heute noch eine der bedeutendsten jüdischen Gruppierungen (siehe auch Leserbrief von David Schweizer, Präsident der Zionistischen Vereinigung Basel in der Basler Zeitung vom Samstag, 6. Juni 1998, unter anderem zum Thema Reinkarnation im Judentum).

"Copyright © 2004 by Orell Füssli Verlag AG, Zürich''